Franz-Marc-Strasse 4, 50999 Köln
0221 / 98 54 80-11
rombach@derboersebius.de

Immer noch kein Grund zur Panik, zur Sorge gleichwohl

Immer noch kein Grund zur Panik, zur Sorge gleichwohl

Meine heutige Kolumne fange ich mit einer ganz aktuellen Email an.

„Sehr geehrter Herr Rombach,
ich gehöre zu Ihren treuen Lesern und schätze Ihren Rat sehr. Mir scheint aktuell ein guter Zeitpunkt, Aktien zu kaufen, da billig.
Ich bevorzuge allerdings Aktien, die ich länger halte, ständiges Umschichten des Depots ist nicht mein Ding.
Hätten Sie Empfehlungen für längerfristige Papiere. Fossile Energie und Autoindustrie (außer Tesla) will ich allerdings nicht.
Ich dachte schon an Tesla, bin mir aber nicht sicher, ob diese Firma auch mitttel- und längerfristig so viel Erfolg haben wird.
Herzlichen Dank und freundlicher Gruß
Dr. M.S. „

Natürlich habe ich die Mail auch schon beantwortet und darauf hingewiesen, daß ich bei Tesla immer zusammenzucke, dies aber alleine wegen der schlechten bis furchtbaren Bilanzzahlen.

Wann ist etwas billig?

Aber ich will wegen der Email auf etwas anderes hinaus. Die Begründung gerade jetzt etwa Aktien kaufen zu wollen, „da billig“.

Die Tatsache, daß manche Aktien aufgrund der panikartigen Verkäufe und angesichts des derzeitigen Crashszenarios teilweise mehr als die Hälfte ihres Wertes von vor einem Monat verloren haben, heißt noch lange nicht, daß dieser Wert jetzt „billig“ sei. Er ist noch nicht mal preiswert.

Die Tatsache einer Halbierung ist lediglich eine mathematische Größe und sagt eo ipso nichts über die Kaufwürdigkeit einer Aktie aus. Das ist ebenso Blödsinn wie den Stopp Loss Kurs einer Aktie beim Kurs von 1,80 Euro festzumachen (dies nur in aller Kürze, über Stopp Loss Orders lasse ich mich demnächst in einer gesonderten Kolumne aus).

Ich verstehe allerdings die Intention meines Lesers, er meint sicher, daß im Vergleich zur Vormonatsfrist diese Aktie etwa „billig“ sei. Oder bestenfalls „günstiger“. Ob lohnend, ist allerdings noch völlig offen.

Also, das Argument „jetzt billig“ als Kaufentscheidung zu wählen scheint mir falsch zu sein, sondern es geht eher darum, abzuschätzen, wann der Markt möglicherweise seinen Tiefpunkt erreicht haben wird und sich dann ein Einstieg empfiehlt.

Wahr ist, daß niemand, aber auch wirklich niemand präzise vorhersagen kann, ich schon gar nicht, wann dieser Crash seinen Boden finden wird. Bei 5.000 Indexpunkten im DAX oder erst bei 2.500? Dazu ist die Coronakrise zu global und in ihren Auswirkungen nicht wirklich bezifferbar.

Das einzige, was eigentlich einigermaßen plausibel erscheint: Die Krise ist temporär. Ich habe daher schon in meiner Kolumne letzten Mittwoch darauf verwiesen, daß in China (immer vorausgesetzt, die Zahlen stimmen) die Wirtschaft langsam wieder Fuß fasst.

Immer noch kein Grund zur Panik.

Bei allem Verständnis Respekt, die ich vor der tiefen Angst der vieler Anrufer und Emailschreiber empfinde, bin ich immer noch der Meinung, daß zwar zur Sorge Anlass genug ist, aber immer noch kein Grund zur Panik.

Sollen die Börsen schließen?

So gesehen halte ich den Ruf nach einer vorübergehenden Schließung der internationalen Börsen für das falscheste Signal, das Finanzmärkte geben können. Leute, lasst bloß die Börsen offen, die Realität ist so wie sie ist.

Im Übrigen werde ich auch auf meiner privaten Ebene sowohl von Freunden als auch Bekannten sehr, sehr oft auf die aktuelle Börsensituation angesprochen werde. „Reinhold, der Crash ist da, soll ich denn jetzt alles verkaufen?“ Ja, ich spüre genau die Panik, die sie umtreibt. Und habe einen Heidenrespekt für deren Nöte und selbstverständlich auch für die meiner Leser.

Déjà Vu.

Heute Nacht bin ich aufgewacht, weil mich das gestrige Gespräch mit einem Freund (soll ich beim jetzigen 50 Prozent Verlust verkaufen?) immer noch beschäftigte.

Und plötzlich denke ich, irgendwas daran kommt mir bekannt vor. Eine ähnliche Situation der massiven „Ansprache“ im Freundes- und Bekanntenkreis habe ich doch zu Zeiten des Neuen Marktes erlebt, wo mir Leute, die von Börsen null Ahnung hatten, von wahnsinnigen Kurschancen vorschwärmten. Wie das ausging, wissen wir ja alle.

Vielleicht sind wir ja jetzt in einer ähnlichen Situation. Nur eben anders herum. So gesehen wären es vielleicht doch gar nicht verkehrt, jetzt schon den einen oder anderen Wert zu kaufen. Nicht weil er billig ist, sondern weil es „an der Zeit“ ist. Da fielen mir etwa Allianz und, ja auch Bayer, ein, ebenso Dräger Vorzüge vielleicht auch Titel, die an Impfstoffen gegen Covid 19 arbeiten, wie Gilead Sciences (Kürzel: GIS) und BioNTech SE (WKN A2PSR2). Intuitive Surgical Inc (WKN 888024), die Operationssysteme herstellen, finde ich auch reizvoll.

Denn an den Börsen wird die Zukunft gehandelt und eben nicht die derzeitige katastrophale Angst.

Bleiben Sie mir gewogen, ich bin es auch.
Über Anregungen für Themenvorschläge freue ich mich sehr.

Stets, Ihr
Reinhold Rombach
„Börsebius“